Galápagos – Trauminseln am Ende der Welt: Schatten auf dem Paradies

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Wir haben Euch in den vorhergehenden Teilen unseres Berichtes erzählt, was für wunderbare Erlebnisse wir auf den Trauminseln hatten, welche bezaubernden Tiere wir beobachten und mit welchen wir sogar interagieren durften. Doch wie es bereits Charles Darwin in seine Thesen vom Überleben des Stärkeren fasste, zeigt die Natur auch und gerade hier nicht nur ihr freundliches, sondern ebenso ihr grausames, unbarmherziges Gesicht – und mehr noch der Mensch.

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Überleben des Stärkeren

Darwins Thesen drängen sich jäh in den Sinn: Auf San Cristóbal kamen wir auf dem Weg von unserer Unterkunft in die Stadt regelmäßig am Playa de Oro vorbei, einem kleinen Strand, der komplett von Seelöwen besetzt ist. Zwischen ihnen robbte ein Junges umher, das ohne Mutter war. Wir erfuhren, dass die Mütter nach tagelangem Stillen unter eigenem Nahrungsverzicht sich schließlich zum Fischen aufmachen, wobei das Junge ein paar Tage ohne sie zurechtkommen muss. Infolge des Wetterphänomens „El Niño“ hatten sich in diesem Jahr die Fischschwärme in tieferes, kühleres Gewässer zurückgezogen. Bei Auftreten von El Niño wird daher für die Seelöwen die Jagd nicht nur schwieriger und zeitaufwändiger, sondern auch weit gefährlicher, denn in den Tiefen tummeln sich Haie. Die Jungen bleiben weit mehr Tage allein und ohne Nahrung als gewöhnlich – falls die Mutter überhaupt zurückkehrt.

Seelöwenmütter adoptieren keine Kinder anderer Mütter, sie verfügen über einen Abwehrinstinkt. So mussten wir mit ansehen, wie der sichtlich geschwächte Säugling verzweifelt schreiend von Muttertier zu Muttertier robbte und immer wieder verjagt wurde. Wir meldeten das der Parkstation. Am Tag darauf aber war er immer noch da und so schwach, dass er sich kaum mehr bewegen konnte.

Geschwächtes SeelöwenbabyWir sahen, wie eine Krabbe sich ihm näherte – sie pikste ihn an, wohl um zu testen, ob er sich noch wehren kann oder ob sie ihn gleich an Ort und Stelle bei lebendigem Leibe anknabbern kann (siehe Bild). Zum Glück regte er sich. Später sahen wir von weitem ein mageres Junges – mit seiner Mutter! War es unser Kleines? Als es sich von der Mutter kurz entfernte, um sich in einem Wasserloch zwischen den Steinen zu kühlen, fingen andere kleine Seelöwen an, jenem geschwächten Baby zuzusetzen und es zu beißen, ohne dass es sich recht wehren konnte – ein befremdendes Verhalten, das wir bei den sozialen Tieren sonst nicht beobachtet haben. War es krank? Hoffentlich hat es überlebt.

Ebenfalls am Playa de Oro fanden wir an einem Tag eine Seelöwin mit einer schweren Verletzung. Wir gaben der Polizei Bescheid, und diese alarmierte die Parkwächter. Diese kamen glücklicherweise tatsächlich und fingen unter Einsatz ihrer eigenen Unversehrtheit die wild um sich beißende Gesellin mit einem großen Netz ein und verluden sie auf ein Pick-up. Wir wollten natürlich wissen, wie es mit ihr weiterging, und fragten bei der Parkverwaltung nach. Dort erfuhren wir, dass es sich bei der Verletzung wohl um einen Hai-Biss handelte, und dass die Seelöwin in der dortigen Krankenstation behandelt würde. Einmal also war sie dem Tod schon von der Schippe gesprungen, hoffentlich hat sie es noch ein zweites Mal geschafft und die Wunde ist verheilt.

Menschengemachte Probleme

Exkremente mit PlastikmüllAndere unschöne Beobachtungen sind menschengemacht. Auf unserer Radtour auf Isabela fanden wir einen Haufen Schildkrötenkot, in dem sich größere Stücke Plastikfolie und anderer Unrat fanden – wer weiß, was die Schildkröte gefressen haben muss und wie lange sie das noch überlebt. Überall auf der Welt gehen Tiere an achtlos weggeworfenem Müll elendig zugrunde, weil sie ihn mit Nahrung verwechseln, sich darin verfangen oder durch ihn vergiftet werden.

Eine weitere Beobachtung ist, dass die Tierliebe der Einwohner häufiger zu wünschen übrig lässt. Bei Exkursionen hält sich das Begleitpersonal nicht immer daran, sich vorsichtig und respektvoll zu verhalten. Es werden teilweise absichtlich Tiere aufgeschreckt, damit die Touristengruppe diese zu Gesicht bekommt. Der Kapitän unseres Motorbootes auf einem Schnorchelausflug tauchte so lange in jede Höhle, bis er endlich einen schlafenden Weißspitzen-Riffhai fand und das arme Tier völlig verschreckt durch unsere kleine Schnorchelgruppe floh: „Everybody see the shark? OK, let´s go see the turtles!“ – Hai abgehakt, Touris zufrieden. Die ebenfalls anwesende Parkwächterin machte keine Anstalten, ihn zu hindern.

Strangulierende StrickeAuch ihren Haustieren gegenüber sind viele Leute alles andere als zimperlich, wie wir mehrfach entsetzt registrieren mussten. Diese beiden angebundenen Ziegen lebten auf Isabela auf einem Hinterhof gegenüber unserem Hotel. Sie konnten sich kaum bewegen und waren schon halb dabei, sich an den verhedderten Anbindestricken zu strangulieren. Wir informierten sofort die raubeinige Besitzerin, die nur die Augen verdrehte. Als wir nicht locker ließen, schickte sie ihre sichtlich eingeschüchterte kleine Tochter Richtung Ziegen, die dort vollkommen überfordert mit den Stricken herumhantierte. Als wir das nächste Mal nachschauten, befanden sich die Tiere wieder in derselben Lage.

Über die vielen freilaufende Hunde und Katzen haben wir uns ebenfalls gewundert. Einerseits wird das Gepäck strengstens kontrolliert und man darf noch nicht mal Früchte von einer der Inseln auf die nächste mitnehmen, andererseits halten die Leute Hunde und Katzen, die frei auf der Insel herumlaufen und sich fröhlich vermehren. Das erscheint uns paradox. Das Einzige, was den Verantwortlichen zu dieser Situation einfällt, ist, in regelmäßigen Abständen Giftköder gegen Hunde auszubringen und die gehätschelten Freunde mitleidslos zu entsorgen, was zynisch ist und angesichts der Gesamtsituation wie blinder Aktionismus wirkt.

Menschliche Ignoranz bedroht die Inseln also nicht nur von außen. In diesem Zusammenhang ist auch der havarierte Frachter zu erwähnen, der vor der Insel San Cristóbal auf Grund gelaufen war. Vor Ort auf dem Galapagos-Archipel war das nirgendwo Thema. Erst direkt auf San Cristóbal bekamen wir mit, dass öfters von der „barca roja“, dem roten Schiff, die Rede war, das der Grund sei, dass man diesen oder jenen Strand nicht besuchen oder im Hafen paddeln dürfe. Auf einer Schnorcheltour erklärte unser Guide dann auf Nachfrage endlich besagten Hintergrund. Ob von dem Frachter eine Umweltgefahr ausging, darin widersprachen sich alle, die wir fragten. Kurz darauf stellten wir fest, dass es die Havarie längst in die internationale Presse geschafft hatte. Auf Spiegel Online lasen wir die ganze Geschichte, die vor Ort nicht groß thematisiert wurde und die auch keinen recht zu interessieren schien.

Des weiteren brettern permanent ganze Flotten von Schnellboten zwischen den Inseln herum, teilweise erreichen sie die demonstrierte „unberührte Natur“ im 10-Minuten-Takt.

Die einmalige Flora und Fauna der Galapagosinseln gehören zum Weltnaturerbe der UNESCO. Scheren sich die menschlichen Bewohner um den Erhalt dieses Erbes heute wirklich mehr als die raubeinigen Siedler vergangener Zeiten? Oder ist es für sie nur ein gutes Geschäft?

Unrühmliche Siedlungsgeschichte

Tomás de Berlanga

Die Inseln haben eine sehr bewegte Geschichte. 1535 retteten sie die vom Kurs abgetriebene Flotte des spanischen Bischofs Tomás de Berlanga vor dem Verhungern und Verdursten, der somit unversehens zum Entdecker jener „Islas Encantadas“ (verzauberten Inseln) wurde. Danach dienten sie vor allem Walfängern und Piraten als Unterschlupf.

José de Villamil

Kurz vor Darwins Visite, 1832, nahm Ecuador die Inseln in Besitz und ein idealistischer General namens Jose Villamil startete einen ersten Besiedlungsversuch der Inseln mit der hehren Ambition, sie in einen Ort des Friedens, des Fortschritts und der Rehabilitation von Kriminellen zu verwandeln. Doch leider endete das Projekt in Mord und Totschlag unter all den Taugenichtsen und Spitzbuben, die er unter Ecuadors Knackis dafür ausgewählt hatte.

Pseudo-Adlige mit Galanen

Die Inselannalen schmücken sich auch mit einer hollywoodreifen Affäre unter deutschen Einwanderern in den 1930er Jahren, in der eine Dreiecksbeziehung, das mysteriöse Verschwinden einer vorgeblichen Baronesse und der Gifttod eines Nudisten vorkommen. Das Treiben der Insulaner stieß auf großes mediales Interesse und machte die Protagonisten zu einer Art Vorläufer unserer heutigen Reality-Stars.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägten ausbeuterische Terrorherrschaften lokaler Plantagenfürsten, brutale Sträflingskolonien und gescheiterte Industrieansiedlungen die menschliche Präsenz auf den Inseln – und genauso gnadenlos war auch der Umgang mit den Tieren und der Natur. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage – auch für die Tierwelt: 1957 wurde der Nationalpark Galápagos gegründet. Bis dahin wurden Flora und Fauna – Darwin war eine Ausnahme – als bloße Ressourcen betrachtet, die es auszubeuten galt. Manche Tierart wurde ausgerottet oder an den Rand der Ausrottung gebracht. Besonders die schwerfälligen Riesenschildkröten litten unter der Nachstellung. Sie dienten Seefahrern als lebender Fleischvorrat auf langen Reisen, und eine Zeitlang wurden gar ganze Stadtviertel von Guayaquil mit Schildkrötenöl beleuchtet.

Riesenschildkröte heute (Santa Cruz): Frei und geschützt!

Heute leiden die Inseln unter den Touristenströmen, sodass die UNESCO den Status des Weltnaturerbes inzwischen als gefährdet einstuft. Offiziell aber ist die gesamte Landfläche der Inseln streng geschützt. Nur noch 6% der gesamten Inselfläche dürfen überhaupt betreten werden, die meisten nur unter Aufsicht eines Guides. Das war zu Darwins Zeit noch anders – der junge Forscher konnte sich frei über die Inseln bewegen, aufgehalten nicht von Guides oder Nationalparkgrenzen, sondern nur vom dichten Gestrüpp auf den glühenden Lavafelsen, und mit der Neugier eines Kindes seine Beobachtungen notieren. Während heute, im Zeitalter des Massentourismus, den Besuchern nahegelegt wird, einen Mindestabstand zu den wilden Tieren einzuhalten, ging Darwin im Namen des Erkenntnisgewinns äußerst unbedarft auf die Inselfauna zu – wie in diesem Fall auf einen Leguan, dem er eine Weile beim Bau seiner Höhle zugesehen hatte:

I watched one for for a long time, till half its body was buried. I then walked up and pulled it by the tail; at this it was greatly astonished, and soon shuffled up to see what was the matter; and then stared me in the face, as much as to say, «What made you pull my tail?»

(Ich beobachtete einen für längere Zeit, bis die Hälfte seines Körpers begraben war. Dann ging ich hinauf und zog ihn am Schwanz; darüber war er höchst erstaunt und grub sich sofort aus, um zu sehen was los ist; und dann starrte er in mein Gesicht, so als wolle er sagen: «Was veranlasst Sie, an meinem Schwanze zu ziehen?»)

«What made you pull my tail?»


Im nächsten und letzten Teil unserer kleinen Galápagos-Reihe präsentieren wir Euch noch einige wunderschöne Bilder zum Träumen.

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